Reden

Während meiner ganzen beruflichen Laufbahn habe ich auftragsgemäss für Vorgesetzte, Manager, Politiker, Minister und Professoren Reden und Referate ausgearbeitet. Es versteht sich von selbst, dass ich die Autorenrechte an diesen Arbeiten verloren habe. Hier sind zwei Beispiele, die ich im Kreise meiner Familie selbst gehalten habe.

Das Erste Familientreffen

Erwin Meckelburg

Borkheide, den 25.08.2001

1. Familientreffen

25. August 2001

Liebe Geschwister.

Liebe Schwägerinnen und Schwäger.

Liebe Nichten und Neffen.

Liebe Verwandte.

Ich bin der Elfte von der Ursprungsfamilie, die sich hier, gemeinsam mit den Kindern und Kindeskindern, versammelt hat.

Ich bin dankbar sowohl dafĂĽr, dass ich als Elfter noch geboren wurde und von den schon vorhandenen zehn Geschwistern liebevoll begrĂĽsst und behandelt worden bin, als auch dafĂĽr, dass ich jetzt die Gelegenheit habe, zu Euch zu sprechen.

Die Einladung sagt es schon: Wir sind eine grosse Familie, wir sollten uns Wiedersehen, Kennenlernen und Bekanntmachen.

Sprichwörtlich ist: „Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft.“

Hier lernt man schon als Kind zu unterscheiden, was „Gut“ und was „Böse“ ist . Hier und nur hier lernt man unmittelbar mit den intimsten Beziehungen zwischen den Menschen umzugehen:

mit der Liebe,

mit der Hilfsbereitschaft und der Solidarität,

mit MitgefĂĽhl und Demut - aber auch

mit Neid und Hass.

Wer lehrte uns, in Krisen zu bestehen, Trennungen und Scheidungen zu ĂĽberstehen oder - mit Nikotinsucht bzw. Alkoholismus vernĂĽnftig umzugehen?

Im RĂĽckspiegel meines Lebens darf ich sagen, es ist dies, diese grosse Familie, in der Freud und Leid, GlĂĽck und Pech unmittelbar erlebbar werden.

Bücher , Freunde, Arbeitskollegen und Urlaubsbekanntschaften, das alles ist nicht aufzuwiegen durch die Anteilnahme des Bruders, den gut gemeinten Hinweis der Schwester, den Rat und das Vorbild der Tante oder des Onkels, die Hilfe des Neffen, die Beratung mit der Nichte oder das vertrauliche Gespräch zwischen Cousinen und Cousins.

Das Verständnis und Einfühlungsvermögen für den Anderen, was hier vorausgesetzt werden darf, ist eine hohe Schule für die Erkenntnis des eigenen „Ich“.

Man nennt es wohl soziale Vererbung, wenn Kinder die Lebensgrundsätze ihrer Eltern an ihre Kinder weitergeben und voller Stolz die besonderen Fähigkeiten des Opas bei nächster Gelegenheit hervorkramen und zum Gegenstand des Gespräches machen. So wirken die Lebensauffassungen von Ur - Oma und Ur - Opa fort in den Gedanken der Kinder und Kindeskinder.

Wer es wirklich sucht, hier findet er es, das Leben nach dem Tod, - das ewige Leben, - die Unsterblichkeit.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft ist die Quelle des Lebens ĂĽberhaupt. Es ist der ewige Freudenkreis: Durch Geburt, Kindheit, Erwachsensein, Alter und Tod, fĂĽhrt er uns aus der Gegenwart hinaus in die Zukunft. Dort bewahrt er die Vergangenheit auf. Die Familie, sie ist die Schmiede der Zeit.

Am 20. August, also am Montag dieser Woche, wäre unsere Mutter, Oma, Ur - Oma und Ur - Ur - Oma 100 Jahre alt geworden.

Das sollte uns Anlass sein, um uns an sie zu erinnern.

Ihre starke Persönlichkeit, ihre Ausstrahlung und ihre Lebenskraft haben die Kinder und ihre Familien in erheblichem Masse geprägt. Ihre Lebensweisheit war gefragt. Ihr Rat wurde geachtet. Immer half sie, wenn es ihr irgend wie möglich war.

Die ersten Jahre ihrer Kindheit, so erzählte sie, müssen sehr schöne Jahre gewesen sein. Ihr Vater Heinrich Nörenberg wurde am 22. November 1866 geboren.

Er war von Beruf Glasmaler und verdiente sich als freischaffender KĂĽnstler seinen Lebensunterhalt.

Ihre Mutter, Mathilde war eine Bauerntochter und wurde am 20. März 1875 geboren.

Als Johanna 7 Jahre alt war, verlor sie zuerst die Mutter, danach den Vater. Die schöne Kindheit war vorbei und bittere Armut bestimmte nun ihr Leben. Sie wurde zu Pflegeeltern gegeben, weil ihre Geschwister die Sorgepflicht nicht übernehmen konnten. Die Schule besuchte sie im damaligen zaristischen Rußland. Das war eine Vier - Klassen - Schule, in der man notdürftig das Schreiben und Lesen erlernte.

Als Vollwaise musste sie sich früh den Lebensunterhalt selbst verdienen. Als 14- jähriges Mädchen erlebte sie in Rußland die Schrecken des I. Weltkrieges, danach die Wirrnisse der Oktoberrevolution. Von furchtbaren Hungersnöten und von Typhus - Epidemien erzählte sie. An Typhus war sie selbst erkrankt, überlebte aber ohne bleibende Folgen.

In dieser sehr schweren Zeit hat sich ihre unendliche Liebe und Freude, zu leben, ihr starker Wille, sich durchzusetzen und eine tiefe christliche Humanität geformt. Sie liebte die Tiere und Pflanzen. Besonders liebte sie die Blumen, mit denen sie auch sprach.

In den chaotischen Zuständen der Revolution lernte sie ihren Mann, unseren Vater, kennen. Die beiden heirateten am 07. Juli 1918 und verliessen bei der erst besten Gelegenheit Rußland, um im damaligen Polen das Erbteil von Johann Meckelburg anzutreten und sich so eine bäuerliche Existenz zu schaffen. Johann wurde am 10. Juni 1894 geboren.

Den Erzählungen der Mutter und der Geschwister zufolge, mochte er handwerkliche Tätigkeiten und Bienenzucht mehr als landwirtschaftliche Arbeit.

Sicherlich reichen Worte nicht aus, um festzuhalten, wie gross die Gefühle der Liebe zwischen Johanna und Johann gewesen sein müssen. In einer Zeit totaler Unsicherheit, ohne Eltern, völlig mittellos, die ganze Zuneigung eines Menschen erhalten zu haben, kann man nur mit dem Eintritt in ein neues Weltsystem vergleichen.

Es muss dies eine Welt gewesen sein, die trotz der heute unvorstellbar grossen Armut von einer inneren Sicherheit, einer göttlichen Moral und alltäglichen Ästhetik geordnet war.

Und was nicht fehlte, das war eine grosse Portion Stolz.

So erhielten die Kinder das Selbstbewusstsein, einen richtigen eigenen Weg zu gehen und die Anforderungen des Lebens zu meistern.

Johannas Leben, von der Geburt des ersten Kindes, Julius am 30. Juni 1919 bis zur Geburt des letzten Kindes am 21. Juni 1944 war voller Unruhe und auch bedingt durch die politischen Ereignisse mehr von Tränen getränkt als vom Sonnenschein gestreichelt.

Im Zeitraffer hört sich das so an:

Nachkriegszeit des I. Weltkrieges mit Inflation,

Wechsel der Staatszugehörigkeit,

Hitler - Stalin - Pakt und Zwangsumsiedlung,

Neuanfang, wieder Kriegsvorbereitung, II. Weltkrieg,

Vertrieben im Winter 1945 bei Schnee und Kälte,wieder ein Neuanfang,

Wieder war der unerschĂĽtterliche Glaube an das Gute im Menschen gefragt, wieder die Hoffnung gefordert eine Heimat gefunden zu haben, wieder musste die Zuversicht in eine Sichere Zukunft ĂĽber die Skepsis der bisherigen Erfahrungen siegen.

Die Jahre des II. Weltkrieges und danach müssen für Johanna furchtbare Jahre gewesen sein. Man kann glaube ich, die Gebete nicht zählen, in denen sie bat, das Leben ihres Mannes und ihrer Kinder zu schonen. Es geschah. Wir blieben am Leben. Aber der geliebte Mann, er kam nicht wieder. Als er in den Krieg ging, war es ein Abschied für immer. Ihr Weltall der Liebe und des Lebens war aus dem Gleichgewicht geraten.

Aber, es stürzte nicht in sich, wie ein Kartenhaus zusammen. Allein geblieben im Mittelpunkt der Familie, hatte sie die Kraft für einen Neuanfang. Die Kinder heirateten und Johanna verstand es, die Tugenden der anderen Familien in die eigene Familie aufzunehmen. Dadurch erwarb sie sich die Achtung und den Respekt der Schwiegertöchter und Schwiegersöhne die sie ausnahmslos wie die eigenen Kinder behandelte.

Wenigstens darf ich das von mir sagen, selbst noch klein, wurde ich schon bald Onkel und empfing, meistens in den Ferien ein Stück meiner Erziehung in den angeheirateten Familien. Erna aus dem Hause Hübner brachte mir z.B. das „Einmaleins“ bei. Ein Stück Erziehung der Familie Schulz wurde mir zu Teil, wenn ich bei Elfriede und Julius in Lehnin oder in der Familie meiner Schwester Minna war. Bei Rottstocks lernte ich den geschickten Umgang mit Holz und etwas über Spargelanbau. Bei Karl Moritz durfte ich als 13 - und 14 jähriger schmieden und war später in der Lehre sogar besser als mein Lehrmeister.

Nach dem Krieg die noch schulpflichtigen Kinder zu ernähren, war für Mutter Johanna eine wahnsinnig schwere Aufgabe.

Das tägliche Brot war oft nicht zu beschaffen.

Einen Teil bekam sie von der Roten Armee als Gegenleistung fĂĽr ihre Dienste als Ăśbersetzerin.

Schliesslich übernahm sie von der Bodenreform eine Neubauern-wirtschaft. Das Land war nicht gut und das Geschäft lief schlecht.

Diese Arbeit war natĂĽrlich eine totale Ăśberforderung.

Sicherlich versprach sie sich auch Erleichterung durch die Heirat ihres 2. Mannes, Otto Schröder, mit dem sie bis zu ihrem Tode lebte.

Erst mit dem Eintritt in die landwirtschaftliche Genossenschaft wurde sie von dem erdrĂĽckendem Joch der Arbeit befreit. In Klaistow/ Ausbau fand sie das StĂĽckchen Frieden und die Geborgenheit, wonach sie sich ein ganzes Leben lang sehnte.

Sie war dort glücklich - richtig glücklich war sie aber nur, wenn möglichst viele Kinder, sie besuchten. Dann konnten Neuigkeiten ausgetauscht und die Erinnerungen aufgefrischt werden.

Damit ist der heilige Zirkel geschlossen. Wir sind wieder hier bei unserem 1. Familientreffen.

Wenn meine Nachforschungen richtig sind, dann ist in diesem Stamm der Familie, Julius das älteste Familienmitglied und das derzeit Jüngste ist Jochen, mein Enkelsohn, der am 23. Juni 2001 geboren wurde.

Dazwischen liegen 82 Jahre Menschheitsgeschichte. Eine lange Zeit. Viel Neues mussten die Menschen lernen. Nur einige Beispiele:

1915   startete das erste Ganzmetallflugzeug,
1917   U - Boote und Torpedos werden Kriegstechnik,
1920   LKWs ĂĽbernehmen den Transport von MassengĂĽtern,
1923   erste Rundfunksendung in Berlin,
1935   erste öffentliche Programmaustrahlung des Fernsehens,
1939   erste DĂĽsenflugzeuge erobern die Luft,
1944   Raketen werden gestartet,
1945   Atombomben explodieren ĂĽber Hiroschima und Nagasaki,
1952   die massenhafte Verbreitung des Fernsehens beginnt,
1957   Beginn der friedlichen Nutzung der Atomenergie (Eisbrecher),
1957   der erst Sputnik umkreist die Erde,
1961   der erste Mensch befindet sich im All,
1969   Menschen landen auf dem Mond,
1974   Entwicklung des Mikroprozessors,
1975   Einsatz von Industrierobotern beginnt,
1977   erste Personalcomputer kommen auf den Markt,
1988   Mobilfunktelefone erobern sich die Welt,
1992   das erste Genpatent wird erteilt (Krebsmaus),
2000   Honda bringt die ersten 6000 Haushaltsroboter auf den Markt,
2001 in Deutschland wird der 100 000. Industrieroboter eingesetzt,
2001 der genetische Bauplan des Menschen gilt als erforscht.

In der Familie, als Schmiede der Zeit werden wir geformt, um die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen und zu meistern.

In diesem Sinne wĂĽnsche ich uns ein noch engeres ZusammenrĂĽcken und einen angenehmen Gedankenaustausch. Oma Johanna hat uns keine materiellen ReichtĂĽmer hinterlassen, aber einen wahnsinnig grossen Schatz. Das sind wir selber.

Belzig, den 03. November

im Jahre 2000

Verehrtes Brautpaar!

Verehrte Eltern und Geschwister der Brautleute!

Verehrte Hochzeitsgäste!

Liebe Anke, lieber Dirk und liebe Annika!

Euer Entschluss, Euch heute das „Ja - Wort“ zu geben, hat mich veranlasst, in Büchern nachzulesen, welches Hochzeitslied, Eurem Entschluss ebenbürtig wäre.

Leider habe ich mich damit zu lange aufgehalten, denn am Ende musste ich erkennen, dass alle bisherigen Hochzeitslieder nicht zutreffen.

Ihr seid ein ganz besonderes Paar. Da schreibt z.B. Wolfgang Amadeus Mozart an seine Schwester Nannerl:

„Du wirst im Eh’stand viel erfahren,

was dir ein halbes Rätsel war.

Bald wirst du aus Erfahrung wissen,

wie Eva einst hat handeln mĂĽssen,

dass sie hernach den Kain gebar.

Doch, Schwester, diese Eh’standspflichten,

wirst du von Herzen gern verrichten,

denn, glaube mir, sie sind nicht schwer.“

Nein - liebe Anke, lieber Dirk, so glaube ich, das ist Eure Erwartung an die Ehe nicht.

Eure Annika ist wunderbar und erfĂĽllt den Raum mit Leben. In ihr finden wir - Eure Liebe, FĂĽrsorge, Klugheit und GĂĽte - lebendig vor uns stehen.

Und so schnell ist der Lauf der Zeit: Erst krabbeln, dann stehen, dann gehen und nun schon die Welt mit Euren Augen sehen.

Ein unbekannter Dichter schrieb:

„Ein schlimmer Bengel hat es geschafft,

er kam in die „Gefängnishaft“

auf lebenslänglich - wie ich sehe,

denn sein Gefängnis ist die Ehe.

Die Strafe aber ist milde genug:

er sitzt im humanen Strafvollzug“

Nein - liebe Anke und lieber Dirk, so denke ich: Ihr seid des Anderen Gefängnis nicht.

Ihr lebt schon zusammen ĂĽber zehn Jahr und wisst, dass die vielen Bindungen zwischen Euch, die Bedingung fĂĽr Eure Freiheit war - ohne Zwang das zu tun, was Euren Auffassungen entspricht.

Zu diesen Werten gehören auch:

Schmerzen teilen,

Wunden heilen,

Freude spenden,

Hilfe senden,

Streit vermeiden,

Mut erhöhen,

Sorgen verstehen,

WĂĽnsche sehen,

Ă„ngste nehmen und

Hoffnung geben.

Dirk sagt: „Das ist Anke“ und er freut sich, was sie tut. Anke denkt: „O.k., das ist Dirk“ und ist stolz auf das, was er macht.

Auch Friedrich Schillers Worte aus der berĂĽhmten Glocke, geben fĂĽr Euch beide keinen Sinn.

Dort heiĂźt es:

„...

Ach! des Lebens schönste Feier

Endigt auch den Lebensmai,

Mit dem GĂĽrtel, mit dem Schleier,

Reisst der schöne Wahn entzwei.

...“

Nein, Herr Schiller, wir mĂĽssen ganz entschieden widersprechen.

 

Ein schöneres, ein besseres Lied sollen die Glocken singen. Mit dem heutigen hohen Tag bekommt der Lebensmai ein festes rechtliches Band, denn die beste Ehe ist, wie wir wissen, für immer Braut und Bräutigam zu sein.

Alle Glocken dieser Welt sollen kĂĽnden, wenn immer Ihr den Klang vernehmt, von den WĂĽnschen fĂĽr Euer GlĂĽck.

Läuten sollen sie:

Der Weg, den Ihr vor 12 Jahren betreten habt, er möge Euch in glückliche Zeiten führen. Und wenn es in fernen Jahren unvermeidlich sein wird, dass einer von Euch, diesen Weg alleine gehen muss, dann wird ihn der Andere, in Gedanken weiterhin begleiten,

Schwere Krankheiten sollen Euch und allen Familienangehörigen fernbleiben,

Wenn auf dem gemeinsamen Weg einer von Euch stolpert, dann reiche der Andere ihm seine hilfreiche Hand,

Das Gesicht des Krieges, nie sollt Ihr es erleben. Nie sollen Hunger, Not, Armut und anderes Elend Euch erreichen.

Es schalle laut von allen TĂĽrmen:

# Gute Ziele sollen in ErfĂĽllung gehen,

# Freude und GlĂĽck - auch in des Lebens StĂĽrmen.

# Doppeltes GlĂĽck, soll gemeinsam entstehen.

Der Anlass der Stunde, er ist ein wĂĽrdiger Grund,

stosst mit den vollen Gläsern kräftig an -

Annika, Anke und Dirk, bleibt immer gesund.

Wenn Sie Ihrem Team, Freunden, Bekannten oder anderen Menschen mit Worten ein kleines Denkmal setzen wollen, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Vielleicht kann ich Ihnen mit einem massgeschneiderten Entwurf behilflich sein.

Counter

[drmebu] [Gedichte] [Stereogramme] [Unterricht] [EntwĂĽrfe/Ideen] [Reden] [Beratung] [Kontakte]